Architektur wirkt sich positiv auf die Entwicklung von Kindern aus, wie es die Reggio-Pädagogik, ein international anerkanntes Bildungskonzept, formuliert. Verschiedene einzigartige Kindergärten in Holzbauweise kombinieren dies mit den gesundheitlichen Vorteile des Rohstoffes.

Die folgenden auf Eigeninitiative von Privatunternehmen und öffentlicher Hand im Jahr 2025 realisierten Kindergärten in Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt laden mit ihren unterschiedlichen Raumfunktionen die Kleinen auf jeden Fall zum Entdecken, Forschen und Spielen ein.
Freising: Das Schmuckstück an der Isar
Unweit der Isar entsteht in Freising ein Neubaugebiet. Auf den Seilerbrücklwiesen wird der Entwurf von Architekt Martin Goldbrunner für einen neuen Kindergarten in Holzbauweise umgesetzt: "Die Erzieher und Kinder sollen sich in dem neuen Umfeld wohlfühlen. Daher floss die gemeinsam mit den künftigen Nutzern erstellte Wunschliste für den Neubau maßgeblich in unsere Planungen ein."
Neben der Verwendung von Holz und einer guten Raumakustik war dem Architekten, der bereits sieben Kindergärten entworfen hat, die Barrierefreiheit wichtig. Jeder Raum im neuen Gebäude sowie das Außengelände werden mit dem Rollstuhl erreichbar und nutzbar sein. Ein eigener Sanitärraum mit höhenverstellbaren Waschbecken ist ebenfalls Bestandteil des Raumkonzepts.
Für das Holzgebäude ist die Zimmerei Gumpp & Maier (Binswangen) verantwortlich. "Für uns ist ein sehr hoher Vorfertigungsgrad ein wesentliches Qualitätsmerkmal für hochwertigen Holzbau", sagt Geschäftsführer Alexander Gumpp. "Alle Arbeiten, die wir in unseren Werkhallen durch CNC-gesteuerte Maschinen erledigen, haben eine höhere Qualität als ‚Brett für Brett‘ auf der Baustelle. Die vorgefertigten Wand- und Fassadenelemente verkürzen zudem die Bauzeit wesentlich." Das Herzstück des Neubaus ist ein gemeinsamer Eingangsbereich für Krippe und Kindergarten, der über eine sogenannte Matschschleuse mit dem Außenbereich verbunden ist.
Zudem punktet das geneigte Dach mit einem Gründach und Photovoltaikmodulen. Hierzu sagt der Projektleiter und Elektrotechnikmeister Ralf Greulein von IBS-Elektroplanung (Landshut): "Wir wollen eine optimale Nutzung der Dachfläche erreichen. Diese soll eine 100-prozentige nachhaltige Stromerzeugung für den Eigenverbrauch ermöglichen."
Kinderoase an der TUM: "Nur mit dem Handwerk schafft man" ein neues architektonisches Juwel
Gegenüber dem Stammgelände der Technischen Universität München sollen die Uniangestellten rund 60 neue Krippenplätze erhalten, um Familie und Beruf besser vereinbaren zu können. Die neue Kindertagesstätte entwarf Francis Kéré als vertikalen Holzbau zwischen zwei Bestandsgebäuden. "Die Baulücke war sehr herausfordernd, weil es sich um eine sehr kleine Fläche handelt. Zudem hieß es vom Denkmalschutz, dass der Bau wie die anderen Gebäude in der Nachbarschaft gestaltet werden muss", sagt Kéré, der 2022 für seine Bauprojekte mit dem Architektur-Oscar, dem Pritzker-Preis, ausgezeichnet wurde.
Eines ist dem TU-Architekturprofessor, der auch eine Schreinerausbildung absolviert hat, bei seinen realisierten Bauprojekten immer besonders wichtig: "Handwerk ist die Grundlage von Architektur, vom Bauen. Ich habe angefangen zu bauen in meinem Heimatdorf Gando in Burkina Faso. Gerade hier, jenseits von Technologien, ist es von Anfang an wichtig, sich mit Handwerkern auszutauschen und Ideen gemeinsam zu diskutieren", erklärt Kéré. "Meine Bauwerke entstehen durch die enge Kollaboration mit dem Handwerk. Nur mit dem Handwerk schafft man etwas Besonderes am Bau."
Auch bei der Münchner Oase für Kinder entstand ein Pingpong zwischen dem Architekten und Spezialisten aus zehn beteiligten Gewerken, um einen traditionellen Baustoff mit modernster Ingenieurtechnik zu verbinden. Nach Fertigstellung werden die fünf Etagen durch eine Rutsche verbunden sein. Neben dem Rutschturm sind eine überdachte Dachterrasse und eine gefaltete Lamellenfassade aus Cortenstahl, die den Blick auf den Holzkubus ermöglicht, weitere Highlights. Für Kéré wäre das größte Kompliment für seinen Bau, wenn die Kinder zu Hause von einem tollen Tag in der Kita erzählen und sich auf den nächsten Tag freuen. Die Ausführungsplanung übernahm das Architekturbüro des Holzbaupioniers Hermann Kaufmann. Für die Projektsteuerung dieser Kindertagesstätte der Bauherrin Ingeborg Pohl ist die GAPP GmbH verantwortlich.
Kindergarten in Merseburg – der neue Zauber auf dem Campus
Merseburg ist für die im Kaiserdom aufbewahrten Zaubersprüche aus dem 10. Jahrhundert berühmt. Für neuen Zauber in der Hochschulstadt an der Saale sorgt Architektin Aline Hielscher. Das Leipziger Büro, das aktuell zwei Holzbau-Kitas in Oberfranken plant, hat sich auf das Bauen im Gebäudebestand aus den 1950er- bis 1970er-Jahren spezialisiert.
Anstatt wertvolles Baumaterial durch den Abriss des Gebäudes zu zerstören, entschied sich die sachsen-anhaltische Stadt für den Umbau der Telefonzentrale der seit 1954 bestehenden Hochschule, die zu DDR-Zeiten den Namen Carl Schorlemmer Leuna-Merseburg trug. Diese wird nun als Kindertagesstätte des Studentenwerks Halle genutzt.
"Die größte Herausforderung war die heterogene, in der DDR übliche Bausubstanz des Gebäudes aus Mauerwerk und Stahlbeton", erklärt Hielscher.
Herzstück des Kindergartens für rund 40 Kinder ist die große Spielwelt im Sockelgeschoss. Dieses Tobe- und Spieleparadies mit Rutschen und Kletterwand, die großformatigen Fenster in einer Holz-Alu-Konstruktion sowie ein Farbkonzept sorgen für eine besondere Wohlfühlatmosphäre. Hierdurch setzt sich die neue Kita von den Bestandsbauten auf dem Campus ab: "Die Auswahl der Farben hängt immer vom Ort und der Nutzung ab“, führt Hielscher aus. „Im Campus-Kindergarten ist vor allem das Englischrot prägnant, das in den Fassaden und Bädern eingesetzt wird."
Kindergarten Sterntaler: das Goldstück im Schwarzwald
Beim Bau der Kindertagesstätte "Sterntaler", die nach dem Grimm-Märchen mit den vom Himmel fallenden Goldstücken benannt wurde, entschied sich die Schwarzwaldgemeinde Hofstetten für den Entwurf der WWG-Architekten aus Biberach. Das Holzgebäude wurde komplett durch die Hansmann Zimmerei-Holzbau GmbH (Steinach) ausgeführt.
"Die Innenräume prägt eine sichtbare Innenschalung. Die große Herausforderung war die Nut-und-Feder-Verbindung normaler Bretter an den Wänden, die unsichtbar verschraubt wurde", erklärt Klaus Hansmann. Der Kindergarten besteht aus Tannen- und Fichtenholz sowie Douglasie, einer klimastabilen Baumart der Zukunft. "Wir legen bei unseren Bauprojekten großen Wert auf die Verwendung regionaler Hölzer", betont Hansmann. "Alle drei verwendeten Baumarten wachsen nicht nur vor der Haustür im Schwarzwald, sondern überzeugen auch mit einer sehr guten Tragfähigkeit"“
Der Neubau mit einer PV-Anlage und Holz-Hackschnitzelheizung unterbietet den Effizienzhaus-40-Standard um 44 Prozent und wurde vor Kurzem von der Landesarchitektenkammer mit dem 1. Preis in der Kategorie "Beispielhaftes Bauen" ausgezeichnet.
Haus der Kinder – Leben wie in einem Baumhaus
Inmitten eines Wohngebiets im Münchner Westen mit mehrstöckigen Wohnhäusern aus der Nachkriegszeit eröffnete 2025 das von Spreen Architekten, die bereits weitere Kitas gebaut haben, entworfene Gebäude, das aus zwei Holzquadraten besteht. Jan Spreen setzt mit seiner Materialwahl ein klares Statement für nachhaltiges Bauen: "Gerade in Gebäuden für Kinder ist Holz der richtige Baustoff, weil es Wärme und Natürlichkeit ausstrahlt."
Realisiert wurde das "Haus der Kinder" von Holzbau Franke aus Tuntenhausen. Zimmermeister Max Franke erklärt die besonderen Anforderungen: "Bei dem Projekt fertigten wir rund 60 Prozent der Bauelemente vor. Hier standen vor allem Brand- und Schallschutz im Mittelpunkt." Bei diesem Neubau bieten die bodentiefen Fenster den Kindern einen unvergesslichen Blick in den Garten mit seinem alten Baumbestand, sodass sie sich fast wie in einem Baumhaus fühlen können. Oder wie es der Maler Henry Matisse ausdrückte: "Man darf nicht verlernen, die Welt mit den Augen eines Kindes zu sehen."
Die Ökobilanz kann sich ebenfalls sehen lassen. Durch die Verwendung von rund 1.000 m³ Holz wurden schätzungsweise 1.000 Tonnen CO₂ dauerhaft gebunden. Auch nach Inbetriebnahme des Gebäudes sind CO₂-Einsparungen im Tonnenbereich zu erwarten. Zudem senkt sich durch die sehr gute Dämmung, so Franke, der Heizenergiebedarf gegenüber einem konventionellen Bau um etwa 20 bis 30 Prozent.
Der Bau-Turbo steckt zwar noch in den Kinderschuhen – so fehlen laut einer vor Kurzem veröffentlichten Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft allein 2025 in Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt rund 89.000 Plätze –, doch die Beispiele zeigen: Bei den Neubauten setzen Städte und Kommunen zunehmend auf Bauen im Bestand und auf das nachhaltige Material Holz statt auf klimaschädlichen Beton. Bei der Planung der inspirierenden Lernorte für die Generation der Zukunft scheint den Bauherren eines besonders wichtig zu sein: Auch wenn die Kinder bald in die Schule gehen – die nachhaltigen Gebäude der Zukunft bleiben.
